Hagazussa – die Frau in der Hecke
Sie sitzt in der Hecke. Genau dort, wo das Vertraute aufhört und das Unbekannte beginnt. Halb drinnen, halb draußen. Mit einem Bein im Hag, mit dem anderen in der Wildnis. Die Hagazussa – so hieß sie einmal, bevor das Wort sich wandelte und entstellte.
„Zussa“ oder „tussy“ bedeutete im Althochdeutschen etwa „Wesen“ oder „Frau“ – die Hagazussa war also schlicht: die Frau der Hecke. Eine, die beide Welten kannte. Die durch die Hecke schlüpfen konnte, wenn andere an ihr scheiterten. Die wusste, welche Pflanze heilt und welche schadet.
Nur wenige Menschen durften die Hecke passieren: die Jäger, die dem Wild nachstellten, und die alten Kräuterweiber, die Wurzeln und Blüten sammelten. Die Heckenhockerinnen, wie man sie nannte. Frauen, die das Zwischenreich kannten und keine Angst davor hatten.
Aus der Hagazussa wurde im Laufe der Jahrhunderte die Hexe. Das Wort wanderte, verlor seinen ursprünglichen Klang und wurde zum Schimpfwort, zur Projektion aller Ängste vor dem Weiblichen, dem Wilden, dem Unkontrollierbaren. Was einmal eine weise Frau bezeichnete, die zwischen den Welten stand, wurde zum Feindbild.
Und Walpurgis – die Nacht vor Beltane – ist die Nacht, in der die Hagazussas angeblich auf Besen ritten und sich auf Berggipfeln versammelten. Natürlich. Denn wer, wenn nicht die Frauen der Hecke, sollte in der mächtigsten Nacht des Jahres zwischen den Welten reiten?
Vielleicht ist es an der Zeit, das Wort zurückzuholen. Und mit ihm die Würde all jener Frauen, die wussten, wie man in der Hecke sitzt – und dabei weder drinnen noch draußen verloren geht.
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Ich freue mich sehr, wenn du dabei bist – auf diesem neuen, tieferen Weg durchs Jahr.
Deine Amely
Die Hexe
Wenn der Holunder blüht im Mai
und Weißdorn seinen Schleier trägt,
wenn Mondlicht silbern über Tau
die schlafenden Gefilde legt –
dann löst sie ihr gewundenes Haar
und tritt heraus aus Nacht und Hain,
lacht auf, dass jeder hören kann:
Die Erde lebt. Sie ist nicht klein.
Sie kennt die Wurzel, kennt den Stein,
die Kraft, die in den Kräutern brennt.
Sie braucht kein Dach, kein festes Heim –
nur Mond, der ihren Namen kennt.