Das Bernsteinschloss – ein Märchen aus der Ostsee

von Amely Gräfin Platen

Was die Ostsee mir geflüstert hat

Manchmal kommt eine Geschichte nicht aus dem Kopf, sondern aus dem Rauschen des Wassers. Dieses Märchen hat mir die Ostsee geflüstert — an einem jener stillen Morgen, an denen das Meer mehr sagt als Menschen je könnten.

Es handelt von Bernstein, von einem Fischer, einer Meerjungfrau und von dem, was wir vergessen haben: dass alles miteinander verbunden ist. Dass Geben und Nehmen ein Kreislauf sind. Und dass ein kleines leuchtendes Stück Harz aus dem Herz des Meeres uns daran erinnern kann.

Ich gebe dieses Märchen meinen Gästen nach dem Bernsteinschleifen mit — als Erinnerung, an ein paar schöne Stunden voll Bernsteinstaub und Meeresgeschichten. Vielleicht berührt es auch dich:

Das Bernsteinschloss

Weit draußen in der Ostsee, an ihrem tiefsten Punkt, steht ein prächtiges Bernsteinschloss. Seine Mauern sind aus schimmerndem Bernstein gebaut. Die Dächer der vielen Türme glühen weit ins dunkle Meer hinaus. Schon von Weitem könnte ein Taucher das warme Licht am Meeresboden erkennen. Bisher hat nur ein Mensch vor langer Zeit diesen magischen Ort gesehen. Und bis heute weiß niemand, ob er sein Abenteuer nur geträumt hat, oder ob es wirklich passiert ist. Doch ich erzähle die Geschichte wohl besser von Anfang an:
Es war einmal ein Fischer. Der lebte mit seiner Familie in einem Dorf nahe an der Ostsee. Jeden Tag fuhr er mit seinem kleinen Boot hinaus und warf seine Netze aus. Schon seit Wochen fing er nicht genug, um sich und seine Familie zu ernähren. Auch den anderen Fischern ging es schlecht, und sie brachten nur wenig Fische nach Haus. Die Ostsee schien leer gefischt und in den Fischerdörfern kam Hunger auf.
So musste der Fischer auch an einem Morgen hinausfahren, an dem sich deutlich ein Unwetter zusammenbraute. Er hatte sein Boot gerade in die offene See gelenkt, als die Ostsee sich erhob. Erst waren es nur kleine Wellen, doch der Fischer beobachtete besorgt, wie diese mit jeder Minute größer wurden. Die Wellen begannen, sein Boot wie einen Ball hin und her zu werfen.
Der Fischer konnte nichts tun, außer sich am Boot festzuklammern und darauf zu hoffen, dass er nicht über Bord ging. Die Wellen wuchsen zu Bergen heran, die sein Boot mit auf die Spitze nahmen, um es dann wieder durch steile Täler heruntersausen zu lassen. Doch irgendwann hatte der Fischer keine Kraft mehr, seine Hände glitten von der Reling, und er stürzte in die brodelnde See.
Es zog ihn tief unter Wasser. Hier unten war es still und friedlich, doch der Fischer wusste nicht, wie lange er noch die Luft anhalten könnte, bevor er ertrinken würde. Schließlich schnappte er nach Luft und erwartete, dass das Wasser ihn endgültig verschlingen würde; doch seltsamerweise konnte er unter Wasser atmen. Das Wasser um ihn herum schien ihn zu tragen.
Er breitete seine Arme und Beine aus und schwebte immer tiefer hinunter Richtung Meeresboden. Er war in einer anderen Welt, die ihn friedlich und warm annahm. Nach einer Weile des schwerelosen Schwebens entdeckte er unter sich einen goldenen Schein. Je mehr er sich darauf konzentrierte, um so schneller glitt er darauf zu.
Schon bald erkannte er die Umrisse eines riesigen wunderschönen Unterwasserschlosses. Die Dächer und Türme glühten rötlich, und auch die Schlossmauern glitzerten in verschiedensten Gold– und Rottönen. Die Fenster hatten die Form von gotischen Bögen und waren mit Muscheln verziert, und die Türen des großen Torbogens standen weit und einladend offen.
Als der Fischer nahe genug an das Schloss herangeschwommen war, entdeckte er eine Meerjungfrau, die auf ihn zu warten schien. Sie hatte einen goldenen Fischschwanz, goldblonde lange Haare und eine golden schimmernde Haut. Sogar ihre Augen leuchteten golden. Sie war atemberaubend schön.
Als der Fischer bei ihr angekommen war, führte sie ihre zarten Hände vor der Brust zusammen und neigte liebevoll lächelnd den Kopf zur Begrüßung. Er erwiderte ihren Gruß und folgte ihr dann in das Schloss. Der Fischer hielt den Atem an vor lauter Staunen. Alles in diesem Schloss war aus Bernstein. Eine solche Pracht hatte er noch nie gesehen.
Schließlich kamen sie in ein großes Wohnzimmer, in dem in einem Kamin ein Bernsteinfeuer loderte. Es war warm und gemütlich. Die Meerjungfrau forderte den Fischer auf, sich auf einem bequemen Muschelsofa niederzulassen. Er seufzte wohlig auf, denn erst jetzt bemerkte er, wie sehr ihn seine Reise auf den Meeresgrund angestrengt hatte.
Die Meerjungfrau läutete ein kleines Muschelglöckchen, und schon kam eine andere Meerjungfrau hereingeschwommen und brachte ein Tablett mit feinsten Speisen des Meeres. Gemeinsam aßen sie schweigend und genossen die Gesellschaft des anderen. Schließlich sprach die Meerjungfrau: „Weißt Du, warum ich Dich zu mir gerufen habe?“ Ihre Stimme war so klar wie Glas und so warm wie ein Bernsteinfeuer. „Du hast mich gerufen?“ „Ja, es gibt einen Grund.“ „Welchen?“
„Seit einiger Zeit fangt Ihr Fischer nicht mehr genug Fisch. Stimmt das?“ „Ja, es ist ein großes Problem. So oft ich auch hinausfahre, ich bekomme noch nicht einmal genügend Fische für meine kleine Familie zusammen. Auf dem Markt war ich schon lange nicht mehr, um dort etwas Fisch zu verkaufen.“ Die Meerjungfrau schaute ihn an und fragte sanft: „Wie war das vor dieser Zeit?“ „Oh, es gab so viel Fisch, dass die Netze beinahe rissen. Wir machten gute Geschäfte auf dem Markt.“
„Habt Ihr immer allen Fisch verkaufen können?“ „Nein, es war immer zu viel.“ „Was habt Ihr mit den restlichen Fischen gemacht?“ „Wir haben sie einfach weggeschmissen oder die toten Fische ins Meer geworfen.“ „Hunderte, tausende verschwendeter Leben landeten so auf dem Müll oder wurden uns wieder vor die Füße gekippt.“, sagte die Meerjungfrau mit trauriger Stimme, und ihre Augen blitzten.
„Ihr Menschen habt Euch gedacht, das Meer gehört Euch, und Ihr könnt Euch nach Herzenslust bedienen.“ Ihre Stimme war nun deutlich schärfer geworden. Erschrocken und etwas eingeschüchtert entgegnete der Fischer: „Ja, nein… ja, ich weiß auch nicht. Ich vermute mal ja, Du hast recht.“ Beschämt senkte er sein Haupt.
In diesem Moment fiel es dem Fischer wie Schuppen von den Augen. Er und seine Leute hatten sich immer ganz selbstverständlich an den Schätzen des Meeres bedient. Sie hatten niemals Danke gesagt und auch niemals etwas zurückgegeben. Während ihm das klar wurde, erbleichte und errötete der Fischer zugleich.
Beschämt und etwas ängstlich schaute er zu der Meerjungfrau, die ihn nun wieder deutlich freundlicher ansah. Das gütige Licht war in ihre Augen zurückgekehrt, und so entspannte sich der verunsicherte Fischer. „Ich sehe, dass Du verstehst, was ich meine. Mein Volk und ich sehen aber auch die Not der Menschen. Du musst wissen, dass Ihr Eure Not durch Euer Handeln selbst verursacht habt. Ihr habt vergessen, dass das Meer die Urmutter allen Lebens ist. Das Meer bietet genügend Nahrung für alle Menschen und Tiere.
Doch es muss eine Ausgewogenheit geben zwischen Nehmen und Geben. So, wie das Meer Nahrung schenkt, so braucht es ebenfalls Nahrung und Zeit, seine Kreisläufe aus Werden und Vergehen abzuschließen. Ihr Menschen habt in letzter Zeit mehr genommen als gegeben und riskiert auf diese Weise, dass die Quelle der Nahrung bald versiegen muss. Wenn der Kreislauf aus Geben und Nehmen nicht geachtet wird, bricht der Kreis und lässt nichts als Hunger, Not und Chaos zurück.
Vor einiger Zeit habt Ihr Menschen die Verbindung zu den natürlichen Kreisläufen der Natur unterbrochen. Ihr habt vergessen, dass alles miteinander verbunden ist, und es keine Trennung gibt. Wenn wir leiden, dann leidet auch ihr. Wenn es uns gut geht, dann geht es auch Euch gut, und umgekehrt ist das ebenso. Ich habe Dich hierhergeholt, damit Du Deinen Mitmenschen davon erzählst. Ich möchte, dass sie genauso nachdenklich werden wie Du. Bitte schäme Dich nicht für Deine Taten und die Taten Deiner Art. Ihr wusstet es nicht besser. Nimm meine Verzeihung im Namen der Tiere und des Meeres an.“ Der Fischer war inzwischen vor der Meerjungfrau auf die Knie gegangen, und diese legte ihm nun ihre goldenen Hände auf das Haupt. Wärme strömte bis in das Herz des Fischers, und er wusste, dass nun alles gut und vergeben war.
Als er wieder den Blick hob und der Meerjungfrau in die Augen schaute, lächelte diese ihn aufmunternd an. Dann beugte sie sich vor, um ein Kästchen, das auf dem Tisch stand, zu öffnen. Darin lagen viele kleine Fläschchen. Sie entnahm ihm ein winziges Fläschchen, das mit Bernsteinsplittern gefüllt war. Es ging ein wundersames Leuchten von den Splittern aus, das das Herz des Fischers auf wohltuende Weise erwärmte.
Die Meerjungfrau übergab das Fläschchen dem Fischer: „Diese Fläschchen sind ein Geschenk des Meeres an Euch Menschen. Bernstein erwärmt das Herz und schenkt inneren Frieden. Wir wollen Euer Herz mit Wärme und Liebe füllen, damit auch Ihr wieder die Verbindung spüren könnt, die zwischen allem Lebenden wirkt. Bernstein ist ein Symbol für den Wohlstand des Herzens. Erzähle den Menschen von Deinem Erlebnis und dem, was ich Dir erklärt habe. Gib jedem, dem Du begegnest eines dieser Fläschchen. Bring ihnen die Erinnerung zurück, dass wir alle Brüder und Schwestern sind.“ Der Fischer bedankte sich tief berührt für diese Gabe. Die beiden blieben noch eine Weile schweigend am Kaminfeuer sitzen und ließen die Begegnung ausklingen.
Schließlich wurde es Zeit für den Fischer, nach Hause zurückzukehren. Er nahm das Kästchen, und die Meerjungfrau begleitete ihn bis vor die Tore des Palastes. Dort rief sie einen Schwarm Fische herbei, die den Fischer zum Ufer zurückbegleiten sollten. Er schwamm glücklich und erfüllt von den Eindrücken zurück zum Ufer.
Als er aus den Fluten auftauchte, hatte das Meer sich beruhigt. Sein Boot war an den Strand geworfen worden, und er entdeckte seine Frau und seine Kinder, die weinend auf dem umgestürzten Boot saßen. Sie dachten wohl, er wäre ertrunken. Schnell stieg er aus dem Wasser und lief zu ihnen. Mit einem Freudenschrei fielen sie sich alle in die Arme.
Sie kehrten zur Hütte zurück, machten ein Feuer und kochten ein Abendbrot. Als sie alle satt und warm waren, holte der Fischer das Kästchen hervor. Zunächst erzählte er die ganze Geschichte, und anschließend übergab er seinen Kindern und seiner Frau je ein Fläschchen mit den Bernsteinen. Sie freuten sich sehr darüber und hüteten ihre Schätze ehrfürchtig.
Der Fischer ging bald in das Dorf, um den Leuten dort von seinem Abenteuer zu erzählen und die Bernsteinfläschchen zu verteilen. Es war eine Freude zu sehen, wie die Dankbarkeit und Hoffnung in den Augen der Beschenkten aufleuchteten. Irgendwann bemerkte der Fischer, dass sich der Inhalt des Kästchens immer wieder auffüllte. Je mehr er gab, umso schneller füllte es sich wieder.
Einmal war er in einem anderen Fischerdorf, hatte die Geschichte erzählt und jedem ein Fläschchen gegeben, als ein Junge mit bernsteinfarbenen Augen mit seinem Fläschchen ans Meeresufer ging. Er öffnete das Fläschchen und nahm behutsam einen Bernsteinsplitter heraus, beugte sich nach vorne und legte den Splitter an den Ufersaum. Ganz leise flüsterte er dabei: „Danke!“ Die Wellen griffen nach der Kostbarkeit, und leuchtend verschwand der Splitter in den Meeresfluten.
Andere machten es dem Jungen nach und bemerkten bald, dass die Fläschchen dennoch randvoll blieben. Gleichzeitig füllten sich die Herzen der Menschen mit jedem geteilten Splitter mit Dankbarkeit und Freude. Schon bald füllten sich die Netze der Fischer wieder. Sie hatten die Geschichte nicht vergessen und das, was sie daraus lernen sollten. Und so warfen sie die Fische, die sie nicht brauchten, wieder ins Meer, damit sie weiterleben konnten.
Natur und Menschen, das Meer und die Fischer, fanden in ein gutes Gleichgewicht. Die Bernsteinfläschchen kreisen immer noch durch die Welt und erfüllen die Herzen der Menschen mit Dankbarkeit und Liebe zur Natur.

Bernstein schleifen — Bernsteinlicht & Märchenzeit

Dieses Märchen begleitet mein Angebot „Bernsteinlicht & Märchenzeit“ im White Stag Cottage an der Ostsee. In einer kleinen, achtsamen Runde schleifen wir gemeinsam rohe Bernsteinstücke — und erleben dabei, wie unter jedem Schliff mehr Licht zum Vorschein kommt. Nicht nur im Stein.
Es ist eine stille, meditative Arbeit, die uns mit dem verbindet, was der Bernstein verkörpert: Jahrmillionen altes Harz, einst lebendig, heute Licht. Ein Symbol für Geduld, Verwandlung und den Wohlstand des Herzens.
Wenn du neugierig geworden bist, schreib mir gerne — ich freue mich auf dich, oder stöber noch etwas durch meine Seiten. Dort sind noch mehr Schätze verborgen.