Meine Haltung

Kräuter kennen keine Grenzen – wofür ich stehe

  1. Okt. 2026 · @Amely Platen

Die Kapuzinerkresse in meinem Garten stammt aus Südamerika. Salbei, Rosmarin und Thymian kamen vor langer Zeit mit den Römern und den Mönchen über die Alpen. Vieles, was wir heute als heimisch empfinden, ist irgendwann eingewandert und hat unsere Kräuterheilkunde reicher gemacht.

Pflanzen kennen keine Grenzen. Sie folgen dem Wind, den Vögeln und den Menschen. Und überall, wo sie Wurzeln schlagen, entsteht etwas Neues.

In letzter Zeit spüre ich, wie wichtig es ist, klar zu sagen, wofür ich stehe. Gerade weil ich mit Runen, alten Göttern und dem Jahreskreis arbeite. Diese Themen werden leider immer wieder von Menschen vereinnahmt, die ausgrenzen wollen. Deshalb habe ich aufgeschrieben, was mich in meiner Arbeit leitet: neun Leitsätze, gewachsen aus vielen Jahren mit Pflanzen, Menschen und Zeremonien.

1. Würde

Jeder Mensch trägt eine unantastbare Würde in sich, und jedes Lebewesen verdient Achtung.

Würde ist das Herz meiner Arbeit. Sie hängt nicht davon ab, woher jemand kommt, was er leistet oder woran er glaubt. Sie ist einfach da, von Anfang an.

Besonders in meinen Zeremonien wird das spürbar. Ob ein Kind willkommen geheißen wird, zwei Menschen sich das Jawort geben oder wir Abschied nehmen: Jeder dieser Momente verdient es, mit Würde und Bedeutung begangen zu werden. Und diese Würde gilt auch für die Pflanzen, die ich sammle, und für die Tiere, mit denen wir diese Erde teilen.

2. Vielfalt

Vielfalt ist kein Problem, sondern die Grundlage allen Lebens.

Eine Wiese mit hundert Arten übersteht Trockenheit und Sturm. Eine Monokultur nicht. Was für die Natur gilt, gilt auch für uns Menschen: Gemeinschaften werden stark durch ihre Unterschiede.

In meiner Reihe „Kräuterculture – Culturekräuter“ ist genau dieser Gedanke das Herzstück. Menschen aus vielen Ländern teilen dort ihr Wissen über die Pflanzen ihrer Heimat, und wir alle gehen reicher nach Hause. Bei mir ist jede und jeder willkommen, gleich woher sie kommen, woran sie glauben und wen sie lieben.

3. Verbundenheit

Alles Lebendige ist miteinander verbunden, und ich suche beharrlich nach dem, was uns verbindet.

Unter dem Waldboden spannt sich ein feines Netz aus Pilzfäden. Über dieses Netz versorgen sich die Bäume gegenseitig, auch über Artgrenzen hinweg. Kein Baum steht wirklich allein.

Wir Menschen sind Teil dieses Gewebes, nicht darüber. Wenn wir das spüren, verändert sich der Blick auf die Welt und aufeinander. Ich bin überzeugt, dass die beharrliche Suche nach dem Verbindenden ein Weg zu einem friedlichen Miteinander ist.

4. Respekt

Ich begegne Menschen, Pflanzen und Traditionen mit Respekt, auch dort, wo ich etwas anders sehe.

Respekt heißt für mich, zuzuhören, bevor ich urteile. Menschen dürfen unterschiedliche Wege gehen, und ich muss nicht jeden teilen, um ihn zu achten. Auch das Wissen anderer Kulturen nehme ich nicht einfach, sondern lerne es mit Dankbarkeit und nenne, woher es kommt.

Respekt hat für mich aber eine klare Grenze: Wo die Würde von Menschen, Tieren und Pflanzen angegriffen wird, beziehe ich Stellung. Hass, Abwertung und Ausgrenzung haben in meinen Räumen keinen Platz.

5. Wertschätzung

Ich sehe den Wert in dem, was oft übersehen wird.

Die Brennnessel nennen viele ein Unkraut, dabei ist sie eine der großzügigsten Heilpflanzen, die wir haben. Die Nelkenwurz wächst unbemerkt am Wegrand und trägt einen Schatz in ihrer Wurzel. So ist es oft auch mit Menschen.

In meinen Gruppen zählt das Wissen aller. Das Hausrezept einer Großmutter ist genauso wertvoll wie ein Kapitel aus einem Fachbuch. Wir lernen auf Augenhöhe, voneinander und miteinander.

6. Selbstbestimmung

Ich möchte Menschen stärken, selbst zu denken, selbst zu fühlen und selbst zu gestalten.

Ich bin keine Wegweiserin, die den einen richtigen Weg kennt. Ich öffne Türen, und du entscheidest, durch welche du gehst. Du weißt selbst am besten, was dir guttut.

Deshalb gibt es bei mir keine Dogmen. Ich lade dich ein, Fragen zu stellen, auch an mich, und deiner eigenen Kreativität zu vertrauen. Wer selbst denkt und selbst gestaltet, lässt sich nicht so leicht von einfachen Antworten verführen.

7. Unabhängigkeit

Meine freien Zeremonien sind unabhängig von jeder kirchlichen, religiösen oder weltlichen Institution.

Was einem Menschen heilig ist, bestimmt er selbst. Deshalb gestalte ich jede Zeremonie aus dem Leben der Menschen heraus, für die sie gedacht ist. Ob jemand gläubig ist, suchend oder gar nicht religiös: Alle finden bei mir einen Rahmen, der zu ihnen passt.

Keine Lehre und keine Ideologie gibt dabei den Ton an. Elemente aus alten Traditionen fließen nur ein, wenn sie den Menschen etwas bedeuten. Im Mittelpunkt steht immer die Würde des Moments und der Menschen, die ihn erleben.

8. Bewahren

Ich bewahre altes Wissen, damit es lebendig bleibt und allen gehört.

Runen, germanische und keltische Götter, der Jahreskreis und alte Bräuche sind ein Erbe, das uns alle bereichern kann. Es ist kein Besitz einer Gruppe, und es taugt nicht zur Abgrenzung. Von allen, die diese Symbole für Hass und Ausgrenzung missbrauchen, distanziere ich mich klar.

Bewahren heißt für mich, das alte Wissen weiterzugeben wie ein Feuer, an dem sich viele wärmen können. Dazu gehört auch Ehrlichkeit: Vieles ist überliefert, manches neu gedeutet, und ich erzähle offen, was wir wissen und was nicht.

9. Nachhaltigkeit

Ich nehme von der Natur nur so viel, wie sie geben kann.

Beim Sammeln gilt für mich: nur dort ernten, wo eine Pflanze reichlich wächst, und immer genug stehen lassen. Harz nehme ich nur von Wunden, die der Baum schon geschlossen hat. Von einer Wurzel setze ich, wo es geht, ein Stück zurück in die Erde.

In meinen Workshops arbeite ich mit dem, was die Jahreszeit und die Region schenken. Und ich gebe dieses Wissen weiter, damit auch die nächsten Generationen noch Kräuter am Wegrand finden.

Eine Einladung

Diese Leitsätze sind kein Regelwerk, sondern eine Einladung. Wer sie teilt, ist bei mir herzlich willkommen, bei den Führungen, in den Workshops, den Zeremonien und in unserer Gemeinschaft.

Ein Wald lebt von seiner Vielfalt, und so lebt auch mein Raum davon. Lass uns gemeinsam suchen, was uns verbindet.

Amely