Die Alte des Winters kommt – und das ist gut so
Es gibt Momente im Oktober, in denen man spürt, dass sich etwas dreht. Der Wind kommt aus einer anderen Richtung. Das Licht hat eine andere Qualität. Und die Nächte – die Nächte werden auf eine Weise dunkel, die mehr ist als das bloße Fehlen von Tageslicht.
Die Kelten wussten, was das bedeutet: Die Alte kommt. Cailleach – die Göttin des Winters, der Berge, der Kälte und der Zeit – tritt an Samhain in ihre Macht. Ihr Stab trifft die Erde, und das Land legt sich schlafen. Bis Beltane regiert sie.
Und weißt du was? Ich finde das wunderschön.
Denn Cailleach ist keine Bedrohung. Sie ist eine Einladung. Eine Einladung, innezuhalten. In die Stille zu gehen. Das loszulassen, was seine Aufgabe erfüllt hat. Und zu lauschen – denn in der Winterstille hört man Dinge, die im Sommer schlicht untergehen.
Samhain ist das keltische Neujahr – das Fest, in dem die Grenze zwischen den Welten am dünnsten ist, die Ahnen näher rücken und das Feuer in der längsten Nacht brennt. Es ist kein Fest der Angst. Es ist ein Fest der Ehrlichkeit. Und Cailleach ist seine Göttin.
In der aktuellen Ausgabe meines Journals „Salzwind und Kräuterduft” – Band 5 · Samhain widme ich der Cailleach einen eigenen Abschnitt – und hier ist ein kleiner Auszug daraus:
Die Göttin, die den Schnee bringt – und warum sie gefürchtet und geliebt wurde
Es gibt Göttinnen, die niemand gerne trifft – und die man dennoch braucht. Cailleach ist eine solche Gestalt. Ihr Name kommt aus dem Gälischen und bedeutet schlicht: die Alte, die Verschleierte. Sie ist die Göttin des Winters, des Sturms, der Kälte und der Zeit – und sie gehört zu den ältesten Göttinnen der keltischen Welt. Wer sie ruft, ruft den Winter. Und wer den Winter versteht, versteht auch Cailleach.
Die Göttin und ihre Erscheinung
Cailleach – auch Cailleach Bheur in Schottland, Cailleach Bhéara in Irland oder Beira, Königin des Winters, genannt – wird als uralte Frau beschrieben, deren Gesicht so faltig ist wie die Felsen, die sie erschaffen haben soll. Ihr Haar ist weiß wie Schnee, ihre Haut blau wie Eis, ihr Mantel grau wie der Winternebel. In einer Hand trägt sie einen Stab, mit dem sie den Boden schlägt und die Erde gefrieren lässt. Wo sie schreitet, folgt der Frost.
In der schottischen Überlieferung ist Cailleach die Schöpferin der Landschaft selbst – sie formte die Berge, indem sie Felsblöcke aus ihrer Schürze fallen ließ, schuf die Täler und Seen und gab dem Land seine raue, wilde Form. Sie ist keine Göttin, die man verehrt, weil sie freundlich ist. Man verehrt sie, weil sie mächtig ist – und weil die Erde ohne den Winter nicht leben kann.
Samhain ist der Tag, an dem Cailleach ihre Herrschaft antritt. An diesem Tag, so heißt es, schlägt sie mit ihrem Stab auf die Erde und legt sie in den Winterschlaf. Bis Beltane – dem 1. Mai – regiert sie. Dann übergibt sie die Herrschaft an Brighid, die Göttin des Frühlings und Feuers, und zieht sich zurück – in die Felsen, in die Berge, in die Stille.
Cailleach und die Ahnen
In der keltischen Überlieferung ist Samhain nicht nur das Neujahrsfest, sondern auch das Fest der Toten – jene Nacht, in der die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Anderswelt am dünnsten ist. Cailleach ist in diesem Kontext nicht nur die Herrin der dunklen Jahreszeit, sondern auch die Hüterin des Übergangs – die Göttin, die zwischen den Welten steht und darüber wacht, dass die Seelen ihren Weg finden.
In manchen irischen Überlieferungen ist sie unsterblich – sie lebt immer wieder, stirbt im Frühling als alte Frau und wird im Herbst als junge Frau wiedergeboren, um erneut zu altern. Ein ewiger Kreislauf aus Tod und Erneuerung, aus Dunkel und Licht. Eine Göttin, die uns lehrt: Das Ende ist kein Ende. Es ist eine Verwandlung.
Cailleach heute
Was können wir von Cailleach lernen? Vielleicht dies: Die Dunkelheit hat ihre eigene Weisheit. Der Winter hat seinen Sinn. Was sich zur Ruhe begibt, sammelt Kraft. Und die alten Frauen – die Großmütter, die Ahnfrauen, die weisen Frauen am Rand der Gesellschaft – tragen ein Wissen in sich, das wir zu schnell vergessen.
Cailleach ist keine Göttin für die Ungeduld. Sie ist eine Göttin für jene, die bereit sind, in der Stille zu sitzen und zu lauschen, was der Winter sagen will. Wer sich ihr öffnet, findet dort keine Kälte – sondern eine tiefe, stille Ruhe, die stärker ist als alles Laute.
Welche alte Frau in dir trägt das Wissen des Winters – und was hat sie dir zu sagen?
Samhain
Simone Wiedehöfer
Wenn die Welten sich berühren,
Öffnet still die Ewigkeit
Ihre Tore und wir spüren
Es beginnt die dunkle Zeit.
All die ruhelosen Seelen
Strömen aus der Anderswelt,
Mit Gesang aus toten Kehlen,
Zu dem Licht, das sie erhellt.
Niemals darfst du sie verfluchen,
Niemals wirst du sonst erkennen,
Wonach ihre Seelen suchen.
Darum lass das Feuer brennen.
Samhain Fest der Jahreswende,
Fürchte nicht die Dunkelheit.
Nur das Gute siegt am Ende,
Beltane ist nicht mehr weit.
Stimme milde ihre Herzen,
Zeige ihnen dein Gesicht.
Säume ihren Weg mit Kerzen,
Führe sie zu deinem Licht.